Das Warschau des Jahres 1937 ist in Szczepan Twardochs Roman „Der Boxer“ eine geteilte Stadt. Die Polen leben in den guten Vierteln, in den schlecht beleumdeten und armen die Juden. Es muss schon Besonderes geschehen – ein Bordellbesuch, ein Boxkampf, eine Fahrt zum arrivierten Schneider –, damit die Bewohner der einen Welt in die andere wechseln. Zumal in der jüdischen Jiddisch gesprochen wird, Polnisch eher selten und oft fehlerhaft, während das Jiddische bei den Polen natürlich verpönt ist. (…)

Das ist eine kluge und spannungsreiche Konstruktion, denn natürlich möchte man nicht nur wissen, wie es Mojzesz Bernstein unter dem Regime des dröhnend gemütlichen Chef-Verbrechers Kaplica und dessen rechter Hand Shapiro erging, man erführe auch ebenso gern, wie aus Bernstein schließlich Inbar, der hochdekorierte israelische Kriegsheld wurde.

Es sind einige literarische Tabus und historische Mythen, mit denen Szczepan Twardoch in seinem Roman bricht. Zum einen sind es all die Eigenschaften, die sein Shapiro tatsächlich im Übermaß verkörpert, die auch auf Frauen in seiner Umgebung abfärben („neue Frauen, Jüdinnen, wie die Welt sie nie zuvor gekannt hatte, sportlich, selbstsicher, stark . . .“) und die bisher polnischen Protagonisten vorbehalten waren. Zum anderen die Tatsache, dass die Beschreibung von Juden, die sich im jüdischen Elendsviertel wohl fühlten, die gar nicht den Ehrgeiz hatten, von dort auszubrechen und sich den Polen maximal anzunähern, jüdischen Autoren wie Julian Stryjkowski („Austeria“) oder Jozef Hen („Nowolipie“) überlassen wurde. Die polnischen erwähnten zwar gern die Exotik des Viertels. Zu den Protagonisten ihrer Bücher machten sie aber am liebsten solche Juden, die sich assimiliert hatten und sich selbst für Polen hielten. (…)

In Twardochs Roman hingegen gibt es gar keine Harmonie, eher eine starke Asymmetrie zweier sich fremd gebliebener Welten, der polnischen und der jüdischen, die höchstens eines verbindet: die Aussicht, bald gemeinsam in Dunkelheit und Chaos abzustürzen. Denn in seinem Warschau zieht ein Unheil heran, und wer es merkt, der sieht auch einen grauen Pottwal über der Stadt schweben, dessen flammendes Auge auf allem ruht und dessen großer Schädel die Schornsteine streift. Und wer ihn sieht, der verspürt große Unruhe, denn er weiß: „Pottwale beißen ihre Beute nicht und zerreißen sie nicht, sie saugen sie ein, verschlingen sie ganz.“

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Wenn Männer über ihre Kinder schreiben, sind Frauen meistens abwesend. Auch bei Szczepan Twardoch. Das ist ihm nicht vorzuwerfen, auch wenn Frauen über Mutterschaft schreiben, kommen sie meistens ohne die Väter aus. Ausgleichende Gerechtigkeit. (…)

Vieles an diesem Buch ist interessant. Zum Beispiel, dass es die Überlegung anstößt, ob Szczepan Twardoch in Polen mit seinen Romanen so großen Erfolg hat, weil sich darin beide Seiten wiederfinden können: die PiS-Anhänger genauso wie die Vitalismus-Anhängerinnen aus dem linken Spektrum. Twardoch triggert mit der Thematik der zerrissenen schlesischen Seele und der tiefen Verwurzelung im blutgetränkten Boden der Region auf der einen Seite die konservative Sehnsucht nach Schicksal. Er lässt sein Ich an der „Welt ohne Form“ verzweifeln, in der alle „völlig allein und gleich, leblos und frei“ lebten, in der es keine „Ekstase und keine Verzweiflung“ mehr gebe, nur noch „angenehme, angewärmte Tristesse“. Man kennt solche Formeln.

Szczepan Twardoch überschreibt seine Kapitel mit Jahreszahlen. Oft ist es eine lange Reihe. Und in dieser Reihe steckt der Tremor eines Jahrhunderts, ein Zittern, von dem der Text Seite für Seite erschüttert wird. Nach Belieben wechselt Twardoch die Zeiten, blendet ineinander, was sich während eines Jahrhunderts in seiner Heimat Oberschlesien zugetragen hat, und wechselt dabei Schauplätze und Figuren. Die Erde, auf der sich alles abgespielt hat, sieht es mit Gleichmut: die Leichen, die in sie einsickern, die Geschosse, die in ihr stecken bleiben, das Pathos, das einem Stückchen Land gilt, in dem sich die Grenzen wieder und wieder verschieben. In den Dörfern spricht man Polnisch oder Deutsch, das weiche Wasserpolnisch oder Schläsch. Auch in diesen Intonationen stecken Schicksale und Geschichten, auch sie werden in das Monumentalgemälde eingearbeitet. (…)

In Polen ist „Drach“ wohl nicht ohne Grund im Jahr 2014 erschienen, exakt 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs, und es ist ein Fronttagebuch des Menschlichen à la Céline, der tobend laute und zugleich hellhörige Roman eines archaischen Jahrhunderts.

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