Rezensionen

Drach

Neue Zürcher Zeitung Jan Koneffke

Schon im Vorgängerbuch hatte Twardoch mit einer körperlosen Erzählerinstanz experimentiert, deren Kommentare aber bisweilen eher störend wirkten. Das ist in «Drach» ganz anders. Denn der «Geist der Erzählung», dessen sich der Autor hier bedient, ist die Erde selbst: nicht der Planet Erde, sondern das Element, die krude Materie aus Sand und Stein, die Erdoberfläche, aus der das Leben kommt und in die es zurückkehrt, der «grosse Drach», wie es gegen Ende des Buches heisst, über dessen Körper die Menschen krabbeln und dessen Körper sie gleichzeitig sind. (…)

Alle sprechen sie mal Schlesisch, mal Hochdeutsch, mal Wasserpolnisch – und erst Josefs Urenkel Nikodem wird kein Deutsch mehr verstehen. Die erzählende Erde ist allgegenwärtig. Und in ihr ist, nicht anders als Freud es vom Gedächtnis annahm, alles zugleich vorhanden. So kann sein Roman zum Gedächtnis-Raum einer Text-Land- schaft werden, in der sich – im polnischen Original – ausser deutschen Wör- tern und Idiomen auch Ausdrücke und Sätze im oberschlesischen Dialekt fin- den, die der Übersetzer Olaf Kühl klug in das dem Deutschen nähere Niederschlesische übertragen hat.